Sprachliche Verwirrungen im Internet
Beim Lesen in Internetforen schmerzen denjenigen unter uns, die noch Wert auf eine gepflegte, grammatikalisch und orthographisch korrekte Sprache legen, regelmäßig die Augen aufgrund skurrilster, meist unfreiwilliger Wortkreationen. So schreibt ein Nutzer etwa, er sei tollerant geworden. Laut Duden heißt dieses Wort tolerant. Im amtlichen Regelwerk § 2, auf das sich besagter Nutzer ja vielleicht bezieht, steht jedoch auch: "Folgt im Wortstamm auf einen betonten kurzen Vokal nur ein einzelner Konsonant, so kennzeichnet man die Kürze des Vokals durch Verdopplung des Konsonantbuchstabens." Kontrovers? Wie in der deutschen Sprache üblich, gibt es auch von dieser Regel diverse Ausnahmen, darunter "eine Reihe von Fremdwörtern", zu denen tolerant allerdings nicht genannt wird. Ist eine Schreibung mit doppeltem l am Ende also gar korrekt? Schließlich gibt es ja auch toll, das im Deutschen genauso klingt wie das tol von tolerant (wenn dies auch auf das lateinische tolerare (halten, ertragen, erdulden) zurückgeht und wenig mit der uns bekannten Bedeutung von toll zu tun hat). Das Adjektiv toll hat seinen Ursprung hingegen im Germanischen und im Laufe der Jahrhunderte eine erhebliche Bedeutungsveränderung erfahren. Ursprünglich bezeichnete es einen Zustand geistiger Verwirrung. Heute wird toll meist in der Bedeutung von großartig verwendet. Eine ähnliche Bedeutungsentwicklung lässt sich bei Wörtern wie irre oder wahnsinnig erkennen.
Vielleicht hat der tollerant gewordene Forumsbesucher tatsächlich einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen tolerant und toll hergestellt. Inwiefern derartige Wortkreationen online in einer gewissen, bereits eingetretenen geistigen Verwirrung enstehen, bleibt mal dahingestellt. (in Anlehnung an: Nicola Frank: Toll, Toller, Tollerant; Gesellschaft für deutsche Sprache: www.gfds.de)
Die Negation des Negativen Nach amerikanischen Untersuchungen braucht der Durchschnittsmensch 48 Prozent mehr Zeit, um eine verneinende Satzaussage zu verstehen, als es bei einer bejahenden der Fall ist.
Noch schwieriger wird es bei hinausgezögerten Verneinungen wie in Bei den Verhandlungen konnte ein Fortschritt nicht erzielt werden. Oder bei negativen Aussagen, die positiv ausgedrückt werden, z. B. der zunehmende Mangel an Weizen (der Weizen nimmt nicht zu, sondern ab).
Für eine weitere Steigerung in der Leser- oder Hörerverwirrung sorgt die doppelte Verneinung. Angelehnt an die Logik der Mathematik, nach der zwei Negative einander aufheben, funktionieren zwar auch korrekte doppelte Verneinungen wie Er ist nicht unvermögend (heißt: er hat Geld) oder Es ist nicht unüblich (heißt: es ist üblich). Dialekte und Slang hingegen ignorieren diese Regel kühn. So gilt doch eher, doppelt (verneint) hält besser, wenn der Berliner meint Ick hab keen Jeld nich, der Münchener sagt I hob koa Geld net oder man in New York jammert I don't have no money.
Die Moral von der Geschicht'? - Vermeiden Sie unnötige Verneinungen, wenn Sie schnell und eindeutig verstanden werden möchten. Positive Aussagen klingen sowieso optimistischer. (Wolf Schneider: Deutsch für Profis; Goldmann Verlag München 2001)
Arbeitszeugnisse — wenn der Schein trügt Wie zufrieden ein Arbeitgeber mit den Leistungen eines ehemaligen Mitarbeiters oder einer ehemaligen Mitarbeiterin tatsächlich war, geht aus dem Arbeitszeugnis meist nicht so klar hervor. So werden Leistungen, mit denen der Arbeitgeber nicht zufrieden war, im Zeugnis lediglich angedeutet: Herr/Frau X zeigte Engagement und bemühte sich um eine sorgfältige Arbeitsweise oder Herr/Frau X führte die ihm/ihr übertragenen Aufgaben unter Anleitung aus. Wenn auch diese bloße Erwähnung der ausgeführten Arbeiten auf den ersten Blick durchaus nicht negativ erscheint, bedeutet das Fehlen positiver Adjektive doch: Für gut oder gar hervorragend wurden die Leistungen keinesfalls befunden − und genau so versteht es der Personaler des nächsten Arbeitgebers. (Duden Newsletter, 29. Mai 2009)
Das Gesicht wahren In Südostasien ist es extrem wichtig, das Gesicht zu wahren, das heißt, direkte Konfrontationen zu vermeiden und weder sich selbst noch andere bloß zu stellen. Hierzu gehört auch die Vermeidung des Wortes "Nein". Antwortet eine asiatische Geschäftsperson mit "Ja", heißt das deshalb nicht unbedingt, dass sie mit dem Gesagten einverstanden ist. "Ja" kann hier genauso gut bedeuten: "Ich höre, was Sie gesagt haben" oder "Ich höre, was Sie gesagt haben, stimme aber nicht zu" oder "Ich denke, ich verstehe, was Sie meinen" oder aber "Ich verstehe und bemühe mich, kann aber keinen Erfolg zusichern". Deshalb stellen Sie bei Geschäftsverhandlungen mit Südostasiaten lieber offene Fragen und achten Sie genau auf den Kontext und Tonfall der Antwort. (Business Spotlight, Sep/Okt 2007)
QuickieDer Begriff "Quickie" (der oder auch das) wird im deutschen Jargon vorrangig mit schnellem Geschlechtsakt in Verbindung gebracht, dabei kann er ebenso ein schnelles Ratespiel bei Quizveranstaltungen oder einen kurzen Werbefilm bezeichnen. In jedem Fall stammt es vom englischen quick und meint generell "eine schnelle Sache" oder dass etwas "in verkürzter Form" erledigt wird.
(DUDEN, Das große Fremdwörterbuch, Dudenverlag 2000)
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